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Manfred Wais:
"Man sieht sich immer zweimal"
Eines morgens im Jahre 1982 klingelte das Telefon. An sich nichts weltbewegendes, so hob ich den Telefonhörer ab und fragte nach meinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. Das andere Ende war ganz schön weit weg, meine liebgewonnene Tante aus Reno, Nevada, war am Hörer und erzählte mir, dass sie den Entschluss gefasst habe, sich einen 350 SL Mercedes-Benz zuzulegen, um ihr Leben um eine luxuriöse Angenehmheit zu erweitern.
1982 in Esslingen: Mercedes-Benz 350 SL
Anno 82 war die Auswahl an Cabrios noch lange nicht so umfangreich wie heutzutage. Rolls Royce, Käfer, Fiat 124, MG, Alfa Spider, Jaguar XJ-S. Da war die Entscheidung, sich einen gebrauchten Mercedes SL zuzulegen, leicht nachvollziehbar. Sollte der Wagen doch sportlich, bequem und vor allen Dingen zuverlässig sein. Alles Eigenschaften, die ein SL R107 schon in der Basisversion bietet. So bat mich meine Tante, einen 3,5 Liter SL in "good old Germany" ausfindig zu machen und diesen per Seeweg nach USA zu verschiffen.
Die Recherche begann mit dem Kauf des Magazins "Auto Motor und Sport" sowie dem Abklappern sämtlicher Mercedeshändler. Damals gab es kein Internet, geschweige denn hatte man einen PC unterm Schreibtisch. Das war noch echte Handarbeit und so dauerte es doch einige Zeit bis mir ein entsprechendes Fahrzeug aus erster Hand Erstzulassung 05.07.1973 über den Weg fuhr. Die Dame war Inhaberin einer Sportartikelfirma in Reutlingen und ging mit dem Wagen sehr pfleglich um. Wurde der Sportwagen doch jeden Herbst abgemeldet und erst im kommenden Frühjahr wieder zugelassen. Entsprechend waren im Serviceheft alle Stempel vorhanden. Tante war mit den Gegebenheit einverstanden und so wurde der Roadster auf den Weg nach Reno Nevada USA geschickt. Hey, das wäre auch was für mich!
Vier Wochen später stand der R107 in San Francisco am Kai. Tante war begeistert und informierte sich sofort nach den Voraussetzungen für eine Zulassung in den Staaten. So wurde die Umrüstung auf US-D.O.T ( DOT=Department of Transportation) gleich angegangen. It never rains in California. So gingen 30 Jahre ins Land. Tante war mit ihrem SL stets offen unterwegs und ließ ebenfalls alle Kundendienste ausführen.
Der 350 SL unter der Sonne Nevadas
Im heurigen Frühjahr klingelte wieder das Telefon. Diesmal war der Enkel meiner Tante am Apparat. Nach einem netten Smalltalk erzählte er mir, dass seine Oma seit einem Jahr nicht mehr Auto fährt. Bis ins hohe Alter von 85 fand Tante Gefallen daran, den Roadster unter der Sonne Nevadas zu bewegen. Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich lieber chauffieren lässt. Um den zweisitzigen Sportwagen veräußern zu können, hätten sie gerne Unterlagen, würden aber keine finden. Da überlegte ich nicht lange und ließ mir sofort Bilder des Roadsters zumailen. Fazit, der sieht doch noch ganz gut aus. Erinnerungen von vor dreißig Jahren kamen in mir hoch. Den kaufe ich zurück!
2012 wieder in Esslingen: Mercedes-Benz 350 SL
So machte sich der mittlerweile 39 Jahre alte Wagen wieder auf den Weg nach Deutschland. Am 19.06.2012 ging die Reise per Truck von Reno nach San Francisco via Panama Canal nach Bremerhaven. Tage und Wochen vergingen, bis am 13.08.2012 der sehnlichst erwartete SL in Stuttgart vor mir stand. Der gute Eindruck von den Bildern wurde nicht enttäuscht, das Auto ist tatsächlich in einem entsprechend guten Zustand.
Nach dem Austausch einiger Verschleißteile und einem Kundendienst wurde über den 350 SL ein Oldtimergutachten erstellt, gleich darauf bekam er seine H-Zulassung: ES-NV 350 H. ES=Esslingen, NV=Nevada, 350=Modell. Seither genieße ich jeden Sonnenstrahl in dem Erfolgsmodell Mercedes-Benz R107 350SL. Mein guter Stern auf allen Straßen.
Manfred Wais
Fotos: Manfred Wais, Textbearbeitung: Gerald Just, 27.09.2012
VON ENTHUSIASTEN - FÜR ENTHUSIASTEN
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